Gärtnern macht Freude

von Dr. Eva Derndorfer, Wien

Ein kleiner Garten Eden ist überall zu finden — oder zu machen … Es bedarf keines großen Gartens, um gärtnern zu können. Auch auf Balkon oder Loggia lassen sich Tomaten, Chilis und sogar Melonen im Topf ziehen, und Küchenkräuter gedeihen am Fensterbrett, das kann sogar das Badezimmerfenster sein. Dort ist es oft schattig und die Luftfeuchtigkeit etwas höher, was vielen Pflänzchen guttut. Städte bieten darüber hinaus Gemeinschaftsgärten und – wer doch lieber für sich gärtnert — Pachtparzellen an. In jedem Fall macht das Gärtnern Freude und bedeutet Genuss.

Hobby-Gärtnern ist eine behutsame Annäherung an die Natur. Man ermöglicht das Wachsen und kann den Pflanzen — und damit dem Geschmack (!) — beim Wachsen zusehen. Man hat Verantwortung für die Pflanzen. Welch ein Kindheitserlebnis ist es doch, aus einem Obstkern ein Bäumchen zu ziehen. Gärtnern ist ein Zusammenspiel aus eigener Leistung und äußeren Umständen. Man hat eben nicht alles in der Hand, ist Wind und Wetter ausgesetzt und umso freudiger und dankbarer, wenn die Ernte – ob Blume, Obst, Gemüse oder Gewürzkaut – üppig ausfällt.

Wer gärtnert, und sei es auf kleinstem Raum, erlebt die Jahreszeiten viel bewusster. Man kann im Januar drinnen mit der Aussaat beginnen, sich im Februar über die ersten Pflänzchen freuen, und dann Monat für Monat die Pflanzen hegen und pflegen, um im Sommer Auberginen oder Physalis zu ernten. Wer einen Garten hat, kann aber auch im Winter frische Salate ernten. Der Winter ist zwar keine Anbauzeit – aber er ist Erntezeit. Viele Pflücksalate tolerieren Temperaturen um die -10°C, Feldsalat (auch Rapunzel- oder Vogelsalat) gar -20°C, vorausgesetzt sie gedeihen trocken und windgeschützt.

Artenvielfalt willkommen! Wer Gemüse selber anbaut, kann Sorten verwenden, die es im Handel nie geben wird – weil sie nicht transportfähig sind. Und in Vollreife geerntete Tomaten sind im Aroma und Geschmack eine Liga für sich.

Gärtnern ist auch eine soziale Angelegenheit. Nicht nur beim Bestellen von Gemeinschaftsbeeten, sondern beim Austausch von Saatgut, guter Tipps oder Gartenbücher, sowie beim Herschenken von üppiger Ernte.

Lässt man Küchenkräuter auch mal blühen, ist zwar das Aroma der Blätter schwächer, dafür freut sich die Biene.

Gärtnern ist ein Fest für alle Sinne!

Man kann zu jeder Zeit sein Werk betrachten, etwa eine frisch geschnittene Hecke. Die Farben von Blüten, Blättern und Früchten sind ein Augenschmaus. Blaue Borretschblüten zieren nicht nur das Beet, sondern auch den Schafkäse am Teller. Auch Eisbecher lassen sich nicht nur mit Früchten, sondern mit essbaren Blüten schmücken. Betörend duftende Lavendelblüten passen zu Zitroneneis, Sahneeis oder Kokosnusseis, weiße Holunderblüten schmecken zu Erdbeereis. Oder du kandierst Gänseblümchen oder Rosenblätter, um sie später mit deinem Lieblingseis zu genießen.

Der Duft von Walderdbeeren im Garten ist eines der besten Aromen überhaupt. Der erste Rhabarberkuchen ist ebenso ein Highlight wie der letzte Pflaumenkuchen mit Früchten aus eigener Ernte. Und nichts geht über Marmelade aus sonnenreifen Gartenfrüchten. Aus Garten- oder Balkonkräutern lässt sich ein wunderbarer Sirup herstellen – so kann man den Sommer einfangen und im Winter frönen. Wer den Bienen und Hummeln, den Vögeln und dem Wind zuhört, erlebt selbst die Stadt als ländlich. Und erst das Fühlen der warmen, feuchten Erde in den Händen und das Barfußgehen! Unkraut im Gemüsebeet zupfen ist ein sinnlicher Akt, genauso wie Johannisbeeren abrebeln oder Kirschen entsteinen. Bei alldem spürt man Sonne, Wind, Temperaturen – vor allem aber: sich selbst.

Genusstipps:

  • Handschuhe sind praktisch, aber das Spüren der Erde mit den bloßen Händen viel sinnlicher. Also auch mal raus aus den Handschuhen!
  • Genuss braucht Zeit, nicht nur der Genuss beim Essen der Ernte. Nimm dir Zeit zum Betrachten deines „Werkes“ und beobachte die Pflanzen beim Wachsen.
  • Fotografieren kann eine Möglichkeit sein, den Genuss bewusster wahrzunehmen und zu verlängern. Eine Handvoll Erdbeeren oder eine farbenfrohe Paprika sind auch als Hintergrundbild oder Bildschirmschoner ein optischer Genuss!
  • Wer einkocht, hat auch in der kalten Jahreszeit Hochgenuss.
  • Vielleicht geht es dir beim Gärtnern wie der Maus Frederic aus dem berühmten Kinderbuch „Frederic“: Die Maus sammelt Sonnenstrahlen und Farben, um im Winter auf diese Sinneseindrücke zurückgreifen zu können.
  • Wer als Kind eingebunden wird, weiß auch als Erwachsener, wie es geht. Und Sirup, z. B. aus Zitronenmelisse, kann man gemeinsam mit Kindern machen.
  • Perfektionismus ade. Das Beet muss nicht aussehen, als wäre ein Profi am Werk gewesen. Was auch immer rauskommt, es IST perfekt: jeder Baum, jede Blüte, jede Frucht für sich.